Wasserstoff ist ein zentraler Energieträger für eine klimaneutrale Wirtschaft. Damit Erzeugung, Transport und Nutzung sicher und verlässlich erfolgen können, sind einheitliche technische Standards erforderlich. Mit der zweiten Ausgabe der Normungsroadmap Wasserstofftechnologien 2025 liegt nun ein umfassender Überblick über den Stand und die Entwicklung der Normung im Bereich Wasserstoff vor.

Das Dokument wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) erstellt und von DIN, DKE, DVGW, NWB, VDA, VDI und VDMA vorgestellt. Mehr als 700 Fachleute aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft haben an der Erarbeitung mitgewirkt. Die Roadmap umfasst über 300 Handlungsempfehlungen und 69 geförderte Projekte und bildet die Grundlage für die strukturierte Weiterentwicklung technischer Regelwerke in allen Bereichen der Wasserstofftechnologien.
Struktur und Zielsetzung der Roadmap
Die Normungsroadmap Wasserstofftechnologien 2025 ist ein national abgestimmter strategischer Fahrplan für die technische Regelsetzung. Sie dient dazu, bestehende Regelwerke zu erfassen, vorhandene Lücken zu identifizieren und zukünftige Normungsbedarfe zu priorisieren.
In 39 Arbeitsgruppen wurde die gesamte Wertschöpfungskette von der Erzeugung über Transport und Speicherung bis zur Anwendung analysiert. Ergänzend wurden Querschnittsthemen wie Sicherheit, Weiterbildung, Werkstoffe, Messtechnik und Nachhaltigkeit berücksichtigt. Mehr als 1.000 Normungsdokumente und technische Regeln sind in einer öffentlich zugänglichen Datenbank dokumentiert. Diese Bestandsaufnahme bildet die Grundlage für die in der Roadmap formulierten Handlungsempfehlungen.
Erzeugung und Nachhaltigkeit
Im Bereich der Erzeugung von Wasserstoff ist das technische Regelwerk für Elektrolyseure weitgehend etabliert. Die Norm DIN EN ISO 22734 beschreibt sicherheitstechnische und konstruktive Anforderungen. Ergänzende Umsetzungsprojekte wie VDI 4636 bündeln Erfahrungen aus bestehenden Projekten, um Planungsprozesse zu vereinheitlichen. Die DIN VDE 0100-782 behandelt die elektrische Sicherheit von Elektrolyseuren.
Für alternative Erzeugungsverfahren, die nicht auf konventioneller Dampfreformierung beruhen, besteht weiterer Forschungs- und Entwicklungsbedarf, um künftige Standards zu schaffen.
Nachhaltigkeitsaspekte werden in der ISO 19870-Reihe berücksichtigt, die eine Methodik zur Berechnung von Treibhausgasemissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette bietet. Das nationale Projekt DIN 35809 ergänzt diese Arbeiten durch ein Konzept zur Bewertung von Nachhaltigkeitskriterien für Wasserstoff und seine Derivate.
Infrastruktur und Speicher
Für die leitungsgebundene Infrastruktur liegt ein umfassendes technisches Regelwerk vor, das beim Aufbau des Wasserstoff-Kernnetzes Anwendung findet. Es umfasst Rohrleitungen, Transport- und Verteilnetze sowie die Anlagentechnik. Umsetzungsprojekte, unter anderem zu Verdichterstationen und Explosionsschutz, tragen zur Weiterentwicklung bei. Die europäischen Normenreihen EN 13480 (Rohrleitungen) und EN 13445 (Druckbehälter) werden um spezifische Anforderungen für Wasserstoff erweitert.
Bei Untertage-Gasspeichern ist das bestehende Regelwerk auf Erdgas ausgelegt und muss an die Eigenschaften von Wasserstoff angepasst werden. Unter Leitung des DVGW werden entsprechende Arbeiten durch pränormative Forschung begleitet. Im Bereich Verflüssigung, Wasserstoffträger und Derivate befindet sich die Normung in einem frühen Stadium. Eine DVGW-Information zu Flüssigwasserstoff und internationale Arbeiten zur ISO-Reihe 19870 für LOHC-Systeme bilden erste Grundlagen.
Anwendung und Nutzung
Für industrielle und kraftwerkstechnische Anwendungen bestehen die erforderlichen Regelwerke. Dazu zählen die überarbeiteten Normen EN 12952-8 (Wasserrohrkessel) und EN 12753 (Abgasbehandlung) sowie die technische Regel VDMA 69243-1, die Anforderungen an Wasserstoffanlagen und -systeme beschreibt.
Der Bereich Power-to-X (PtX) verfügt über ein ausgereiftes technisches Regelwerk. Kernnormen wie ISO 22734 und DVGW G 220 sind etabliert. Die Richtlinie VDI 4635 wird im Rahmen von Umsetzungsprojekten ergänzt, um sicherheitstechnische und systemische Anforderungen zu konkretisieren.
Für Brennstoffzellen ist die internationale Normenreihe IEC 62282 maßgeblich. Sie deckt wesentliche technische Anforderungen ab; offene Punkte werden auf internationaler Ebene bearbeitet.
Im Wärmebereich ist die Nutzung von Wasserstoff durch bestehende Regelwerke abgedeckt. Der Leitfaden DVGW G 655 definiert Anforderungen für H₂-Ready-Gasanwendungen, einschließlich Planung, Bau und Betrieb. Weitere Normen, darunter EN 416 und EN 419, werden harmonisiert.
Für Befüllanlagen und Verkehrsanwendungen liegen ebenfalls anwendbare Regelwerke vor. Nationale und europäische Dokumente wie DVGW G 730 und EN 13385 behandeln Genehmigungs- und Prüfverfahren. Im Straßenverkehr sind die Normen IEC 12619, ISO 19881 und ISO 23273 zentral für Sicherheit und Systemtechnik.
Qualität, Sicherheit und Weiterbildung
Zur Sicherung der Qualitätsinfrastruktur sind in der Messtechnik und Analyse zahlreiche technische Regeln vorhanden. Die DVGW-Reihe G 685 beschreibt Abrechnungsverfahren, während DIN 50006 und DIN 50007 Anforderungen an Analyse- und Messverfahren für Wasserstoff festlegen. Die europäische Norm EN 17526 enthält Vorgaben für thermische Massendurchflussgaszähler.
Für Werkstoffe und Bauteile liegen geeignete Regelwerke vor. Das DVGW-Merkblatt G 405 bewertet bestehende Gastransportleitungen hinsichtlich ihrer Wasserstoffeignung. Die DIN SPEC 3456, die in DIN EN 18191 überführt wird, beschreibt Anforderungen an Industriearmaturen. Ergänzend werden europäische Normen zu Elastomeren (DIN EN 549) und Schmierstoffen (DIN EN 377) überarbeitet.
Im Bereich Sicherheit werden Themen wie Explosionsschutz, Cybersicherheit und sicherheitstechnische Grundsätze fortlaufend überprüft und angepasst. Für die Weiterbildung von Fachkräften entsteht mit DIN TR 3593 ein Leitfaden, der Qualifikationsanforderungen für Tätigkeiten im Bereich Wasserstofftechnologien zusammenführt.
Umsetzung und internationale Zusammenarbeit
Seit Oktober 2023 wurden 69 priorisierte Normungsprojekte gefördert. Die Unterstützung umfasst vor allem Gremienarbeit und organisatorische Aufgaben der Normungsinstitutionen. Dadurch konnte die Bearbeitung technischer Regelwerke beschleunigt und die Beteiligung relevanter Interessengruppen erweitert werden.
Die Normungsroadmap stärkt die deutsche Mitwirkung in europäischen und internationalen Gremien und trägt dazu bei, die technischen Standards für Wasserstoff weltweit zu harmonisieren.
Fazit und Ausblick
Die Normungsroadmap Wasserstofftechnologien 2025 dokumentiert den Stand der technischen Regelsetzung und dient als Grundlage für deren Weiterentwicklung. In vielen Themenfeldern sind die Regelwerke weit fortgeschritten, in anderen besteht weiterer Bedarf an Forschung, Abstimmung und Anpassung.
Besonderer Handlungsbedarf ergibt sich bei Speichern, Verflüssigung, Derivaten, Luftfahrt und Weiterbildung. Die Umsetzung der Handlungsempfehlungen und laufenden Projekte soll dazu beitragen, bestehende Regelwerke zu erweitern und identifizierte Lücken zu schließen.
Das in der Roadmap dargestellte Mapping der Normungslandschaft schafft Transparenz über den aktuellen Stand der technischen Regelsetzung. Es ermöglicht eine gezielte Planung künftiger Aktivitäten und unterstützt die koordinierte Entwicklung einer sicheren und international anschlussfähigen Wasserstoffwirtschaft.
Quelle: Projektpartner Normungsroadmap Wasserstofftechnologien, 2025, Normungsroadmap Wasserstofftechnologien 2025