Recycling wird im neuen Grundsatzpapier von BZL und nova-Institut als strategische Rohstoffquelle für Europa neu positioniert. Unter dem Titel „Recycling Becomes Feedstock for Europe – Let’s Dare More Autonomy“ analysieren die Autoren, wie Recycling dazu beitragen kann, die europäische Chemieindustrie aus ihrer fossilen Abhängigkeit zu lösen und ihre industrielle Resilienz zu stärken.

Ausgangspunkt der Analyse ist die strukturelle Krise der chemischen Industrie in Europa. Steigende Rohstoffpreise, geopolitische Abhängigkeiten und der Verlust günstiger fossiler Bezugsquellen machen deutlich, dass die bisherige Rohstoffbasis an ihre Grenzen stößt. Recycling wird daher nicht als nachgelagerte Abfalloption verstanden, sondern als integraler Bestandteil einer erneuerten Kohlenstoffversorgung.
Recycling als Antwort auf ein fossiles Strukturproblem
Die Autoren ordnen die aktuelle Krise der chemischen Industrie als Krise des fossilen Geschäftsmodells ein. Über Jahrzehnte hinweg konnte Europa seine chemische Wertschöpfung auf günstige fossile Rohstoffe stützen. Dieses Modell ist zunehmend instabil geworden, da rohstoffreiche Länder eigene Industrien aufgebaut haben und geopolitische Konflikte den Zugang zu Erdöl und Erdgas einschränken.
Recycling wird im Paper als alternativer Weg beschrieben, der weder auf den Zugang zu fossilen Ressourcen noch auf geopolitische Abhängigkeiten angewiesen ist. Voraussetzung dafür ist jedoch ein grundlegender Perspektivwechsel: Abfälle müssen systematisch als Kohlenstoffquelle für die chemische Industrie begriffen und entsprechend reguliert werden.
Die zehn Bausteine: Neuordnung von Recycling, Abfallwirtschaft und Chemie
Die zehn politischen Bausteine des Papiers beschreiben keinen Maßnahmenkatalog im engeren Sinne, sondern einen strukturellen Umbau von Abfallwirtschaft und Chemieindustrie. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass die bisherigen Abfallhierarchien und Rechtsrahmen nicht auf die Defossilisierung der chemischen Industrie ausgerichtet sind.
Mehrere Bausteine befassen sich mit der Neujustierung der Abfallwirtschaft. Dazu gehören das Ende der Deponierung unbehandelter, kohlenstoffhaltiger Abfälle, die Sicherung von Abfallströmen innerhalb Europas sowie die konsequente Ausrichtung der Abfallbehandlung auf die stoffliche Nutzung von Kohlenstoff. Recycling wird dabei ausdrücklich technologieoffen verstanden – mechanische, physikalische und chemische Verfahren sowie Verbrennung mit CO₂-Abscheidung und -Nutzung werden gleichwertig betrachtet.
Weitere Bausteine adressieren die Defossilisierung der chemischen Industrie selbst. Neben Biomasse und CO₂-Nutzung wird Recycling als gleichwertige Quelle für erneuerbaren Kohlenstoff eingeordnet. Zentrales Element ist die Einführung verbindlicher Defossilisierungs- bzw. Substitutionsquoten, die nicht auf statistischen Recyclingraten beruhen, sondern auf der tatsächlichen Substitution fossiler Rohstoffe.
Ein weiterer Schwerpunkt der Bausteine liegt auf der Qualität des Recyclings. Downcycling wird ausdrücklich als unzureichend bewertet, da es weder zur Rohstoffsicherung noch zur Defossilisierung beiträgt. Recycling soll sich künftig daran messen lassen, in welchem Umfang es fossilen Kohlenstoff ersetzt und in geschlossenen Kohlenstoffkreisläufen hält.
Ergänzt werden diese Ansätze durch Bausteine zur Entbürokratisierung, zur Anpassung von erweiterten Herstellerverantwortungssystemen sowie zur besseren Verzahnung von Klima-, Abfall- und Chemikalienrecht. Die zehn Bausteine sind dabei als gestuftes Gesamtpaket konzipiert, das nur in seiner Gesamtheit die gewünschte Wirkung entfalten kann.
Recycling als verbindendes Element der Transformation
Recycling zieht sich als verbindendes Leitmotiv durch alle zehn Bausteine. Es übernimmt die Rolle eines Bindeglieds zwischen Abfallwirtschaft und Chemieindustrie und wird zur Grundlage einer erneuerbaren Kohlenstoffversorgung. Damit verändert sich auch die Funktion der Abfallwirtschaft: Sie wird vom Entsorgungssektor zum Rohstofflieferanten für die Industrie.
Gleichzeitig zeigt das Paper, dass Recycling allein nicht ausreicht, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen unverändert bleiben. Erst die Integration der bislang getrennten Rechtsbereiche schafft die Voraussetzungen dafür, dass Recycling tatsächlich zur tragenden Säule einer defossilisierten Chemieindustrie werden kann.
Recycling, Autonomie und europäische Resilienz
Mehr Autonomie bei der Rohstoffversorgung ist ein zentrales politisches Ziel der Europäischen Union. Das Paper ordnet Recycling klar in diesen Kontext ein. Durch die Nutzung heimischer Abfall- und Reststoffströme kann Europa seine Abhängigkeit von fossilen Importen reduzieren und industrielle Wertschöpfung im Binnenmarkt sichern.
Die Autoren betonen jedoch, dass Autonomie und Resilienz nur dann mehr sind als politische Narrative, wenn sie in verbindliche Zielsetzungen und praktikable Regulierung übersetzt werden. Recycling wird damit zu einem industriepolitischen Instrument, dessen Umsetzung zwar anspruchsvoll ist, das aber entscheidend für die Zukunft der chemischen Industrie in Europa sein kann.
Über die Autoren
Das Grundsatzpapier wurde von Uwe Lahl und Barbara Zeschmar-Lahl (BZL Kommunikation und Projektsteuerung GmbH) sowie Lars Börger, Michael Carus und Christopher vom Berg (nova-Institut) verfasst.
Uwe Lahl ist Chemiker und verfügt über langjährige Erfahrung in leitenden Funktionen auf kommunaler, Landes- und Bundesebene, unter anderem als Ministerialdirektor im Bundesumweltministerium. Darüber hinaus war er Professor an der Technischen Universität Darmstadt sowie Adjunct Professor an der University of Indonesia. Seit 2022 ist er als Experte für Kreislaufwirtschaft bei BZL tätig.
Barbara Zeschmar-Lahl ist Biologin und Gründerin der BZL Kommunikation und Projektsteuerung GmbH. Sie promovierte zu einem abfallspezifischen Thema und ist seit vielen Jahren als Auditorin sowie in nationalen und europäischen Fach- und Normungsgremien im Bereich Abfallwirtschaft und Recycling aktiv.
Lars Börger ist Co-CEO des nova-Instituts. Er ist promovierter Materialwissenschaftler und war zuvor unter anderem bei BASF und Neste in leitenden Positionen tätig, mit Schwerpunkten in Polymerforschung, biobasierten Materialien sowie erneuerbaren und zirkulären Rohstoffen.
Michael Carus ist Gründer und Geschäftsführer des nova-Instituts und zählt zu den führenden europäischen Experten für erneuerbaren Kohlenstoff. Er initiierte 2020 die Renewable Carbon Initiative (RCI), die heute zahlreiche Unternehmen aus der Chemie- und Materialindustrie vereint.
Christopher vom Berg ist Executive Manager der RCI. Er entwickelt strategische Konzepte für die Transformation der Chemie- und Materialindustrie und arbeitet seit 2017 am nova-Institut an Fragen der Regulierung, Marktgestaltung und Interessenvertretung im Bereich erneuerbarer Kohlenstoff.